Nach Amoklauf am OEZ

KI-Team München: "Plötzlich werden aus Vermissten Tote"

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Trauernde legen vor dem OEZ Blumen ab.

München - Das Kriseninterventionsteam München ist für die Betreuung traumatisierter Menschen zuständig. In dieser tragischen Nacht sind 50 Helfer im Einsatz.

Es ist 12 Uhr mittags am Samstag. Alexander Neißendorfer wirkt hellwach, immer noch. Er hat viel Cola getrunken und keine Sekunde geschlafen. Seit Freitag um 18 Uhr ist er im Einsatz für das Kriseninterventionsteam des Arbeiter-Samariter-Bundes. In dieser tragischen Nacht hat er viermal eine Todesnachricht an Angehörige der Opfer überbracht und zahlreiche Augenzeugen des furchtbaren Amoklaufs in der Werner-von-Linde-Halle betreut. Jugendliche, die sahen, wie Menschen erschossen wurden. Mütter, die ihre Töchter vermissen. „Es sind ergreifende Szenen, wenn Familien nach einem Martyrium der Ungewissheit wieder zusammengeführt werden können“, sagt Neißendorfer.

Für die Familien der Opfer aber beginnt das psychische Martyrium erst. Alexander Neißendorfer beschreibt das niederschmetternde Gefühl so: „Plötzlich werden aus Vermissten Tote.“ Der Katastrophenhelfer war vergangenes Jahr auch im beschaulichen Bergdorf Seyne-les-Alpes im Einsatz, als ein German-Wings-Pilot ein Flugzeug zum Absturz brachte und 149 Menschen starben. Er ist geschult im Umgang mit Krisensituationen. „Wenn ich in Mitleid zerfließe, kann ich den Leuten nicht helfen“, erklärt der 35-Jährige.

Schnell ist klar: Es handelt sich um einen Großeinsatz

Peter Zehentner ist Chef des Kriseninterventionsteams (KIT) München. Seit 1999 leitet er die 1994 gegründete Einsatztruppe – damals die weltweit erste dieser Art. Das KIT wurde in den vergangenen Jahren von der Bundesregierung immer wieder bei tragischen Unglücken angefordert, zum Beispiel nach der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio im Januar 2012, nach der verheerenden Flutkatastrophe in Thailand im Jahre 2005, beim Amoklauf 2002 in Erfurt oder eben im Vorjahr nach dem Absturz der German-Wings-Maschine.

Am Freitagabend werden die umfangreich psychologisch geschulten Notfallseelsorger gegen 18.20 Uhr von der Polizei benachrichtigt und kurz darauf offiziell vom Bayerischen Innenministerium angefordert. Schnell wird laut Zehentner klar, dass es sich um einen Großeinsatz handeln würde. Er zieht alle verfügbaren Kräfte zusammen – 30 Betreuer vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und 20 externe Helfer von anderen Organisationen. Sogar Kollegen der Bergwacht stellen sich zur Verfügung und reisen spontan aus dem Allgäu an. „Es ist ganz toll, was hier für eine Hilfsbereitschaft und Solidarität geherrscht hat“, sagt der 47-Jährige.

Mädchen weinen bitterlich

Die Helfer sind zur Akutbetreuung in der Umgebung des Olympia-Einkaufszentrums (OEZ) und des McDonalds-Restaurants, wo die ersten Schüsse abgefeuert wurden, im Einsatz. In der Werner-von-Linde-Halle am Olympia-Gelände wird ein improvisiertes Nothilfezentrum eingerichtet. Etwa 200 Menschen stranden dort. Menschen, die von schwer bewaffneten Polizisten aus dem OEZ oder umliegenden Geschäften, in denen sie Schutz gesucht hatten, eskortiert werden. Etwa 20 Leute, schätzt Zehentner, darunter, die den Amokschützen gesehen hätten und geflüchtet seien. Sie sagen: „Wir haben überlebt.“ 

Mädchen weinen, schreien bitterlich. Eltern müssen ihre Kinder trösten, die KIT-Betreuer stehen dabei zur Seite. Zehentner sagt: „Wir sind da, um den Leuten ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Für jeden, der Angehörige vermisst oder trauert, ist es wichtig zu wissen: Es gibt jemanden, mit dem ich sprechen kann.“ Manche wiederum würden einfach nur unter Schock stehen und vor sich hin starren, berichtet Zehentner. Der KIT-Chef will nach dieser apokalyptischen Nacht aber auch eines hervorheben: „Die Polizei hat einen Super-Job gemacht. Und Firmen im Umfeld haben sofort Schutzräume angeboten – beeindruckend.“

Alexander Neißendorfer, im eigentlichen Beruf Geschäftsführer einer Immobilienfirma, ist unterdessen bis an die Erschöpfungsgrenze gegangen. Zum ASB kam der Ismaninger vor drei Jahren. „Ich habe gemerkt, dass hier ein wichtiger Bedarf ist“, sagt er. Zuvor war er als Rettungssanitäter im Einsatz – auch um sich sein Jura-Studium zu finanzieren.

Im Prinzip sind die Helfer 365 Tage im Einsatz

Am Samstagvormittag kehrt Neißendorfer ins Einsatzzentrum der ASB nahe dem Feierwerk an der Hansastraße zurück. Zwischen 21 und 8 Uhr morgens hatte er in der Von-Linde-Halle zitternde, traumatisierte und trauernde Menschen betreut. Irgendwann ist auch er physisch und psychisch so erschöpft, dass er sich nicht mehr zutraut, an diesem Tag noch eine weitere Todesnachricht zu überbringen. Irgendwann wird es zu viel: Menschen, die ständig per Handy ihre vermissten Angehörigen erreichen wollen – und niemand hebt ab. Und Polizisten, die dann berichten, sie hätten ständig in den Taschen der Toten Handys klingeln hören.

Am Samstagmittag hat das KIT noch sieben akute Seelsorgefälle zu betreuen. In den kommenden Tagen geht es auch noch um die Nachsorge für Schulen, die die Opfer besucht hatten. Im Prinzip sind die Helfer 365 Tage im Jahr rund um die Uhr für Menschen da, die plötzlich und unerwartet einen schmerzlichen Verlust erlitten haben. Zehentner spricht von 2,5 Fällen pro Tag, an denen seine Mitarbeiter zusammen mit der Polizei eine Todesnachricht überbringen müssen. Das alles passiert still und leise. Immer dann, wenn sich große Katastrophen ereignen, erfährt auch die breite Öffentlichkeit von der Arbeit des Kriseninterventionsteams. Alexander Neißendorfer, der Bote des Unfassbaren, aber weiß: „Das Schicksal der Menschen ist immer gleich. Es bleibt die Frage nach dem Warum.“

Alle Entwicklungen zur Schießerei in München lesen Sie in unserem Ticker.

"Das Massaker von München" - Pressestimmen aus aller Welt

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